
© Christian Hartmann
Heio
von Stetten
Vita
Geboren und aufgewachsen ist Heio von Stetten in der Nähe von Augsburg auf dem Hof seiner Eltern. Mit 16 begann er neben dem Abitur mit einer Ausbildung zum Pferdewirt. 1986 machte er auf der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München seinen Abschluss. Nach einer Zeit in der freien Theaterszene in München und Hannover, hatte er 1989 sein erstes festes Engagement am „Theater der Jugend“ in München, von 1994-96 spielte er am Volkstheater München. Seine Fernsehkarriere startete Heio von Stetten 1995 mit dem Film Der schönste Tag im Leben, der den Bayerischen Fernsehpreis gewann. Im Herbst 1996 trat er zum ersten Mal international in Erscheinung mit einer Hauptrolle in dem italienisch-französisch-deutschen Mehrteiler Uno di noi, der in Italien einen großen Erfolg feierte und mehrfach ausgezeichnet wurde. Mit Der Kurier des Zaren folgte eine weitere internationale Koproduktion. Seinen Kinodurchbruch hatte Heio von Stetten mit Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit, dem erfolgreichsten Kinofilm des Jahres 1998. Danach folgten die Kinofilme Honigmond und Wer liebt, dem wachsen Flügel und die Zusammenarbeit in Deutschland aber auch international mit vielen namhaften Regisseuren, u. a. mit Margarethe von Trotta, Katja von Garnier, Vilgot Sjöman, Wolfgang Murnberger, Paul Harather und Franz-Xaver Schwarzenberger. Seine Vielseitigkeit und sein Charisma machten ihn zu einem der gefragtesten deutschen Schauspieler der letzten 30 Jahre. Er war als Protagonist in Komödien genauso präsent wie in Dramen, konnte sich aber auch als Charakterdarsteller etablieren, z. B. in Serien wie Unter Verdacht, Polizeiruf 110, Der Kriminalist, Der Bozen Krimi oder in Filmen wie Der Kaktus und Hundswut (2024). 2016 war er nominiert für den Jupiter Award mit Zwei Familien auf der Palme als beste Komödie. Im Jahr 2011/2012 nahm er erfolgreich an der Drehbuchwerkstatt München teil. Sein Drehbuch Blutbirnenernte war nominiert für den Tankred-Dorst-Preis. Bis heute ist Heio von Stetten in weit über 130 deutschen und internationalen Kino- und Fernsehfilmen aufgetreten.

© Peter Kanitz
Heio von Stetten: "Ich habe früh mitgekriegt, dass die Welt nicht planbar ist"
Heio von Stetten ist dauerpräsent im Fernsehen. Er spielt in Pilcher-Schmonzetten und Filmen über illegalen Waffenhandel. Er gilt als vielseitig. Aber was ist mit dem Ruhm?
Es kommt vor, dass man am Sonntagabend unzufrieden mit dem Tatort ist. Man könnte dann, wenn man unerschrocken ist, zu Inga Lindström wechseln. Deutsche Schauspieler lustwandeln im ZDF auf schwedischen Schären und wohnen in roten Holzhäusern. Die Schweden selbst sagen über Inga Lindström: In diesem Land, das da gezeigt wird, würden wir auch gerne leben - da ist immer schönes Wetter, da geht alles gut aus. Manchmal kommt am Sonntagabend auch Rosamunde Pilcher. Und wer spazierte da vor einigen Wochen ins Bild, als man vom Tatort zum Zweiten hinüber zappte? Heio von Stetten. Er züchtete - vor der großartigen Kulisse Cornwalls - Alpakas und kämpfte mit den Sorgen eines älteren Herrn, der eine viel jüngere Frau hat. Man blieb hängen.
Stetten kommt schon sehr lange ins Bild, wenn man durch das Fernsehprogramm zappt. Seit 25 Jahren? Seit 30 Jahren? Fast jeder kennt dieses schmale Gesicht mit der markanten Nase. Und diese behagliche Stimme. Aber kann man eine Rolle von ihm nennen? Oder einen Filmtitel? Heio von Stetten, 59, kommt mit dem Fahrrad zum Stadtcafé. Er lebt seit 1982 in München. Stetten schließt das Rad ab, nimmt seine Mütze ab und setzt sich an einen Tisch vor dem Gebäude. Es ist noch warm an diesem Oktobernachmittag. Dann redet er über alte Kneipen, welche die Zeit überdauert haben, das Faun in der Hans-Sachs-Straße zum Beispiel. Und er spricht darüber, welche Anstrengungen Sender früher unternommen haben, um einen Film oder eine Serie zu promoten. Schauspieler und "100 Journalisten" seien für ein Projekt durch die ganze Welt gekarrt worden. Heute fehle das Geld. Und die Zeit. Und das Internet mache das Brimborium ohnehin überflüssig.
Stetten ist sofort drin im Gespräch. Als würde er sich an seinen Stammtisch setzen. Er sagt, dass er im November - zusammen mit einer Kollegin - einen Abend über Fontane machen werde. Und dass er als Schauspieler früher Regisseuren gegenüber "impulsiver mit Änderungsvorschlägen" gewesen sei. Heute probiere er erst mal aus, was vorgeschlagen werde. "Figuren können auch überraschen." Als das Foto gemacht wird, zieht er seinen Gehrock an. Das passt irgendwie, er ist ja adelig.
Stetten kommt aus der Nähe von Aystetten, das liegt einige Kilometer nordwestlich von Augsburg. Stetten und Aystetten? "Das hat keinen Bezug", sagt er. "Das ist erstaunlich. Darüber habe ich mich auch immer gewundert." Anna Barbara von Stetten, eine seiner Vorfahrinnen, hat im 18. Jahrhundert in Augsburg die Bürgerliche Töchterschule gestiftet; erstmals konnten damit protestantische Frauen in Augsburg eine höhere Bildung erlangen.
Stetten kommt aus Aystetten - mit seinem Namen hat der Ort trotzdem nichts zu tun
Heio von Stettens Bruder verwaltet heute das Stammschloss der Familie in Aystetten. Früher war es ein Bauernhof, den der Vater betrieb. Die sechs Kinder mussten mit anpacken. "Mit zwölf habe ich Traktorfahren gelernt", sagt Stetten. "Wir hatten Milchvieh, Hühner und Pferde - ich hatte mal eine Phase, in der ich Tierarzt werden wollte." Einmal rettete er einem Schaf das Leben.
Man könnte jetzt darüber reden, warum er nicht Tierarzt, sondern Schauspieler wurde; und dann könnte man, nach gut 30 Minuten Gespräch vor dem Stadtcafé, über seine Karriere sprechen. Aber Heio von Stetten ist so richtig im Erzählen drin, man will ihn nicht stoppen.
Er sei als Teenager im Fußballverein gewesen, sagt er. "Und da hatten wir eine tragische Spielerschrumpfung." Bitte? "Als die Jungen 16 wurden, kauften sie sich Zündapp-Mopeds oder die 50er Herkules", erzählt Stetten. "Es gab keine Helmpflicht, die halbe Mannschaft ist tödlich verunglückt." Er selbst hatte kein Moped. "Wer hätte das zahlen sollen? Wir waren keine reichen Gutsbesitzer. Wir hatten alles, was wir brauchten, aber nichts, was wir nicht brauchten."
Manche Jahre liefen gut, manche schlecht. Kann man - in dieser Hinsicht - die Arbeit auf dem Hof mit der Arbeit als Schauspieler vergleichen? "Ich habe früh mitgekriegt, dass die Welt nicht planbar ist", sagt Stetten. "Und dass man trotzdem nicht den Spaß verliert - gemeinsam Feiern ging auf dem Hof immer."
Er lächelt. Entweder ist er gut darin, Lebensfreude zu vermitteln. Oder er hat sie wirklich.
Stetten sagt, er habe sich bald für das Künstlerische interessiert. Fotografie. Architektur. Zeichnen. Auch das Lesen kam dazu. Er hatte als Kind nie ein Buch in der Hand gehabt - auch deshalb, weil er eine seltene Lese-Schreibstörung hatte. Er hat sie sozusagen selbst behoben, indem er sich durch Tolstois "Krieg und Frieden" kämpfte. Stetten hat dann an der Schule in einer Komödie von Aristophanes mitgespielt. Er spürte ein Gemeinschaftsgefühl, wie auf dem Hof. Außerdem habe es Spaß gemacht, "die geschriebene Sprache in Körpersprache umzuwandeln".
Er wird jetzt noch ein Stück lebendiger. Rückt mit dem Stuhl nach vorne, beugt sich ein bisschen über den Tisch und redet eindringlicher. Man merkt, dass er gerne über Sprache und Ausdruck philosophiert. Heute schaut er sich übrigens seine Filme an und stellt den Ton ab. "Ich gucke, ob das Körpersprachliche stimmt", sagt er.
Ein Freund ging damals auf die Falckenbergschule in München. Stetten wollte das auch. Aber vorher machte er den Zivildienst, er dachte darüber nach, Schiffskoch zu werden, und er ging auf Weltreise. Thailand, Singapur, Malaysia, Neuseeland, Australien, Amerika. Er war alleine unterwegs, und er genoss es. "Das war schon auch eine Befreiung aus der Enge des Dorfes", sagt er. Mit einem Lkw-Fahrer, der ihn eine lange Strecke von der Westküste an die Ostküste der USA mitgenommen hatte, pflegte er danach eine lang andauernde Brieffreundschaft.
Reisen, sagt er, sei für ihn bis heute wichtig. Genauso wie Sport. Er klettert, joggt, segelt, fährt Ski, macht Karate, taucht, tanzt Tango. Alles ohne den Gedanken des Wettbewerbs. Einfach, weil es ihm Spaß macht. "Unverkrampft", "entspannt", "nicht verbissen", das sagt er öfter.
Ach ja, die Falckenbergschule. Nachdem er sie beendet hatte, spielte er erst mal an kleinen Privattheatern in München, und dann, Anfang der Neunzigerjahre, war er am Kinder- und Jugendtheater Schauburg. "Das war eine prägende Phase für mich als Schauspieler und fürs Haus", sagt er. "Es war eine sehr kreative Zeit." Sie trugen Papiermäntel, Holzbeine und aufgeblasene Reifen um den Bauch, sie spielten menschliches Puppentheater und dicke Clowns, die sich beschimpften. Manchmal hatte jede Figur eine eigene Sprache. Peer Boysen, der Sohn von Rolf Boysen, führte Regie. Andrea Sawatzki war auch einige Zeit dabei. Genauso wie Thorsten Krohn, Peter Enders und René Dumont.
Stetten liebte diese Zeit. Er erzählt davon wie ein Schriftsteller von seinem ersten Buch, wie ein Fußballer von seinem ersten Spiel vor 70 000 Zuschauern. Nach fünf Jahren wollte er trotzdem
eine Veränderung. Er ging zum Volkstheater - und lernte dort seine Frau kennen, die Schauspielerin Elisabeth Romano.
Volkstheater? Noch mal Theater? Mit irgendwas Mitte 30. Man wartet darauf, dass er endlich über den Beginn seiner Fernsehkarriere redet. Ist er vielleicht doch nicht seit Ewigkeiten dabei?
Stetten sagt erst mal, dass ihn Karrieresteuerung nie interessiert habe. "Ich bin einem Geruch gefolgt, wie ein Hund - und dann habe ich gemacht, was ich tun wollte." So war es auch mit dem Fernsehen. "Mir fiel das Angebot für eine ZDF-Komödie quasi vor die Füße", sagt er. "Die Casterin Risa Kes schickte mir ein Drehbuch von Jo Baier, das Stück hieß 'Der schönste Tag im Leben'." Er heiratete in dieser Komödie Martina Gedeck.
Danach kam "Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit". Dies sei 1998 "der zweiterfolgreichste Kinofilm nach den ,Comedian Harmonists' gewesen", sagt Stetten. Er spielte den Sven, der sich ein Kind auslieh, um eine Frau rumzukriegen. Das war wohl der Durchbruch. Wie bei einem Schriftsteller, der einen Bestseller hat. Wie bei einem Fußballer, der einen Stammplatz in der Bundesliga hat. Jetzt kamen "in schneller Abfolge viele Nachfragen" von Film und Fernsehen, sagt Stetten. "Oft spielte ich den jugendlichen Helden - einen Mann, der eine Entwicklung durchmacht, um sein Glück zu finden."
Wurde er in dieser Zeit auf der Straße erkannt? "In Italien ja", sagt er und lacht. "Da wurde ich in der Bar mit Cia, Vito begrüßt." So hieß er in einer Serie, die in Rom spielte. Aber in Deutschland, sagt er, wurde er nicht angesprochen. Wird er auch heute nicht. "Zum Teil liegt es vielleicht daran, dass die Deutschen zurückhaltender sind", sagt er. Aber darauf würde er es nicht schieben. Er kann damit leben, dass er nicht zu den berühmtesten Schauspielern in Deutschland zählt. "Mit jedem Karriereschritt gibt man ein Stück Freiheit auf", sagt er.
Die eine Rolle, die ihn berühmt gemacht hätte, gibt es nicht. Er ist auch kein Tatort-Kommissar. Er spielt am Sonntagabend Pilcher, auch wenn ihm klar ist, dass die Figuren holzschnittartig dargestellt werden. Und er spielt auch in ernsthaften Filmen wie "Meister des Todes II", in dem es um illegale Waffengeschäfte geht. "Ich bringe offenbar etwas mit, was in allen Bereichen funktioniert", sagt er. Das gebe ihm eine enorme Freiheit. Es sei ohnehin uninteressant, wie ihn die Leute einordnen.
SZ, 30.10.2019 von Gerhard Fischer
PROGRAMM

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„NOVECENTO“
Die Geschichte des Pianisten Novecento, der im Jahre 1900 auf einem Ozeandampfer geboren wird und sein ganzes Leben nicht von Bord ging: eine anrührende Geschichte um Musik, Leidenschaft und die Macht der Freundschaft. Seine Kollegen sind alle auf Landgang, als der Matrose Danny Boodmann eines Morgens im luxuriösen Ballsaal des Ozeandampfers »Virginian« einen Pappkarton entdeckt. Darin ein ausgesetztes Baby, das ihn mit großen Augen anschaut. Noch ahnt keiner, welch seltsames Schicksal dieses Findelkind haben wird, dem die Seeleute den Namen seines Geburtsjahres geben: Novecento, 1900. Boodmann nimmt sich seiner an und findet an jedem Hafen eine neue Ausrede, warum er nicht ordnungsgemäß angemeldet werden kann. Als der Matrose acht Jahre später stirbt, beschließt der Kapitän, den Jungen an Land zur Schule zu schicken. Doch im Hafen angelangt, ist Novecento verschwunden - und taucht erst wieder auf, als sie schon auf hoher See sind, klavierspielend, wie man nie zuvor jemanden spielen gehört hat. Fortan bestreitet er seinen Lebensunterhalt als Pianist der schiffseigenen Jazz-Band. In der ersten Klasse spielt er nach Noten, aber nachts, in der dritten Klasse, spielt er seine Musik, die die Passagiere zu Tränen rührt und völlig verzaubert. So bleibt nicht aus, dass sein Ruhm bald auch ans Festland dringt, wo der selbsternannte »Erfinder des Jazz« aufhorcht. Er, der gelernt hat, die Tasten zu liebkosen, will sich in einem Wettstreit mit ihm messen. Indes: Was weiß Novecento, der noch nie in seinem Leben von Bord gegangen ist, von Wettkämpfen?
Eine wundervolle Erzählung des italienischen Bestsellerautors Alessandro Baricco.
Programmdauer: 80 Minuten das gesamte Buch (mit Pause)
Darsteller: Heio von Stetten

© Peter Kanitz
„STERNSTUNDEN DER MENSCHHEIT“
14 Darstellungen großer Ereignisse hat Stefan Zweig beispielhaft in einer aus der Malerei übernommenen Form gezeichnet: als Miniatur. Eine Sammlung, die von historischen Begebenheiten erzählt, deren Auswirkungen die Geschichte der Menschheit verändert haben. Die Texte sind keine historischen Analysen, sondern novellistisch zugespitzte Erzählungen, in deren Mittelpunkt jeweils eine biografisch überhöhte Person steht. Anschaulich, plastisch und mitreißend sind diese „Sternstunden“, ob es um die Entstehung von Händels „Messias“ geht, um die Niederlage Napoleons bei Waterloo oder die Verlegung des ersten Unterseekabels zwischen Europa und Amerika. Hier waltet die Geschichte selbst als Erzählerin.
Programmdauer: 70-80 Minuten Ausschnitte (mit Pause)
Darsteller: Heio von Stetten

© Heyne Verlag
„DAS GROSSE SAGENBUCH DES KLASSISCHEN ALTERTUMS“
Vom Ödipuskomplex bis zur Achillesferse, von den Tantalusqualen bis zum Trojanischen Pferd sind uns die Begriffe aus dem klassischen Altertum bis heute vertraut. In leichtem Ton erzählt Michael Köhlmeier die besten Geschichten und Abenteuer der antiken Götter und Helden neu. Dabei lässt er sie von ihrem Podest herabsteigen, zeigt die mythologischen Gestalten von einer sehr menschlichen Seite und erweckt sie zu neuem Leben.
„Da der Autor nicht nur ein ausgewiesener Kenner der antiken Mythologie ist, sondern auch ein ausgezeichneter Erzähler, kommt der Unterhaltungswert nicht zu kurz.“ (Südkurier)
Programmdauer: 90 Minuten Ausschnitte (mit Pause)
Darsteller: Heio von Stetten
„EINE GESCHICHTE DER WELT IN 10 ½ KAPITELN“
Ein Klassiker von Julian Barnes - genial und witzig. In diesem Buch jongliert Julian Barnes auf höchst gekonnte Weise mit dem Arche-Noah-Mythos. In zehn Kapiteln schreibt Barnes über Gott und die Welt, kühn kalkuliert und sprachlich brillant. Das schönste Kapitel ist jedoch jenes halbe über die Liebe.
Programmdauer: 80 Minuten Ausschnitte (mit Pause) Darsteller: Heio von Stetten
„ES IST BEREITS ALLES GESAGT, ABER NOCH NICHT VON JEDEM“ (Karl Valentin)
Programme können für alle Anlässe zusammengestellt werden. Wahlweise jedes Buch, das vom Auftraggeber gewünscht ist. Vorbereitung zwei Wochen. Gerne mit anschließendem Gespräch nach der Sitte der literarischen Salons.